Die Produktionshalle läuft. Die Maschinen arbeiten. Alles scheint in Ordnung. Doch hinter dieser Fassade schlummern in vielen Industrie-KMUs Sicherheitslücken, die im Ernstfall einen Produktionsstillstand, Datenverlust oder Reputationsschaden verursachen können und das oft ohne Vorwarnung.
OT-Security, also die Sicherheit von Betriebstechnologie wie Steuerungsanlagen, Produktionssystemen und Leittechnik, wird in der Schweizer Industrie noch immer zu wenig ernst genommen. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Risiken unsichtbar sind – bis es zu spät ist.
Dieser Beitrag zeigt fünf konkrete Risiken, die in Industrie-KMUs regelmässig unterschätzt werden, warum sie gefährlich sind und welcher erste Schritt jetzt helfen würde.
1. Veraltete SCADA-Systeme, das stille Einfallstor
SCADA-Systeme steuern Produktionsprozesse, Anlagen und Infrastrukturen. Viele dieser Systeme in Schweizer KMUs sind zehn, fünfzehn oder mehr Jahre alt und wurden nie für eine vernetzte Welt gebaut. Sicherheitsupdates gibt es oft keine mehr, weil der Hersteller den Support eingestellt hat oder weil ein Update die Produktion unterbrechen würde.
Warum wird das unterschätzt? Weil das System «schon immer so lief» und niemand es anfassen will. Das Risiko: Angreifer kennen die Schwachstellen dieser Systeme genau. Ein erfolgreicher Angriff kann die gesamte Produktion lahmlegen.
Erster Schritt: Inventar erstellen. Welche Systeme laufen in der OT-Umgebung, wie alt sind sie, und wann wurde zuletzt ein Update eingespielt? Wer das nicht weiss, kann nicht schützen.
2. Fehlende Netzwerktrennung, wenn IT und OT zu eng verbunden sind
In vielen Unternehmen sind IT-Netzwerk (Büro, E-Mail, ERP) und OT-Netzwerk (Produktion, Maschinen) nicht voneinander getrennt. Das klingt technisch, hat aber eine einfache Konsequenz: Wer ins Büronetzwerk eindringt, kommt auch in die Produktion.
Warum wird das unterschätzt? Weil die Verbindung oft historisch gewachsen ist und niemand sie bewusst hergestellt hat. Sie ist einfach da. Das Risiko: Ransomware, die über eine Phishing-Mail ins Büronetz gelangt, kann sich in Minuten bis in die Steuerungsanlage ausbreiten.
Erster Schritt: Netzwerktopologie prüfen lassen. Sind IT und OT tatsächlich getrennt oder nur theoretisch? Eine einfache Analyse schafft Klarheit.
3. USB-Angriffsvektoren, das unterschätzte Risiko im Alltag
Ein Techniker bringt einen USB-Stick mit, um eine Maschine zu konfigurieren. Ein Mitarbeitender lädt Daten auf einen privaten Stick. Das klingt harmlos, ist es aber nicht. USB-Geräte sind einer der häufigsten Wege, über die Schadsoftware in OT-Umgebungen gelangt, gerade weil sie keine Internetverbindung benötigen.
Warum wird das unterschätzt? Weil es so alltäglich ist. Niemand denkt beim USB-Stick an einen Cyberangriff. Das Risiko: Gezielte Angriffe auf Produktionsanlagen nutzen genau diesen Weg, auch in der Schweiz.
Erster Schritt: USB-Nutzung in der OT-Umgebung regeln. Wer darf welche Geräte anschliessen, und werden diese vor dem Einsatz geprüft? Eine klare Richtlinie kostet wenig und schützt viel.
4. Ungesicherte Fernwartungszugänge, Komfort als Risiko
Viele Maschinen und Anlagen werden heute remote gewartet, durch den Hersteller, einen Servicetechniker oder einen externen Dienstleister. Das ist praktisch. Aber: Wie ist dieser Zugang gesichert? Gibt es ein Passwort? Ist es dasselbe wie vor fünf Jahren? Weiss überhaupt jemand, welche Zugänge aktiv sind?
Warum wird das unterschätzt? Weil Fernwartung als technisches Detail gilt, das «der Lieferant regelt». Das Risiko: Ungesicherte Fernzugänge sind für Angreifer ein offenes Tor und sie suchen aktiv danach.
Erster Schritt: Alle aktiven Fernwartungszugänge erfassen. Wer hat Zugriff, mit welchen Rechten, und ist der Zugang mit einer Mehrfaktor-Authentifizierung gesichert? Was nicht bekannt ist, kann nicht kontrolliert werden.
5. Lieferkettenangriffe, das Risiko kommt von aussen
Nicht jeder Angriff kommt direkt. Immer häufiger nutzen Angreifer Zulieferer, Softwareanbieter oder Dienstleister als Einstiegspunkt. Sie kompromittieren einen Lieferanten und gelangen darüber ins Zielnetzwerk, ohne je direkt anzugreifen.
Warum wird das unterschätzt? Weil man das eigene Unternehmen schützt, aber nicht daran denkt, wer sonst Zugriff hat. Das Risiko: Grossabnehmer fordern zunehmend Nachweise über die Sicherheit der gesamten Lieferkette. Wer diese nicht liefern kann, verliert Aufträge oder schlimmer: wird zum Einfallstor für einen grösseren Angriff.
Erster Schritt: Lieferanten und Dienstleister mit Systemzugriff identifizieren. Welche Dritten haben Zugang zu welchen Systemen? Gibt es vertragliche Sicherheitsanforderungen?
Praxisbeispiel: Was ein Produktionsstillstand wirklich kostet
Ein mittelgrosses Industrieunternehmen in der Deutschschweiz, rund 80 Mitarbeitende, Maschinenbau, wurde Opfer eines Ransomware-Angriffs. Der Angreifer gelangte über einen ungesicherten Fernwartungszugang ins Netzwerk, bewegte sich unbemerkt über mehrere Wochen und verschlüsselte schliesslich sowohl IT- als auch OT-Systeme.
Ergebnis: drei Tage Produktionsstillstand, Wiederherstellungskosten im sechsstelligen Bereich, Lieferverzögerungen bei Kunden und ein erheblicher Reputationsschaden. Das Unternehmen hatte keine Netzwerktrennung, keine Übersicht über aktive Fernzugänge und kein aktuelles Inventar der OT-Systeme.
Keines dieser Probleme wäre teuer zu beheben gewesen – wenn man sie gekannt hätte.
Sichtbarkeit ist der erste Schutz
OT-Security in der Industrie beginnt nicht mit teurer Technologie. Sie beginnt damit zu wissen, was man hat, wer Zugriff hat und wo die grössten Lücken sind. Wer das weiss, kann priorisieren. Wer das nicht weiss, hofft – und Hoffnung ist keine Sicherheitsstrategie.
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