Warum Fernwartung heute mehr Risiko trägt als früher
Fernwartung ist aus dem Alltag von KMUs nicht mehr wegzudenken. IT-Dienstleister verbinden sich remote auf Server, Maschinenlieferanten greifen auf Steuerungsanlagen zu, interne Mitarbeitende arbeiten von unterwegs. Das ist praktisch, aber gleichzeitig einer der häufigsten Einfallstore für Cyberangriffe.
Was viele unterschätzen: Fernwartung ist kein rein technisches Thema. Es ist eine Frage der Kontrolle. Wer verbindet sich wann, von wo, auf welche Systeme und was passiert dabei? Wenn diese Fragen nicht klar beantwortet sind, entsteht eine Lücke, die Angreifer gezielt ausnutzen.
Besonders in Industrieunternehmen und Energieversorgern, wo IT- und OT-Systeme zunehmend vernetzt sind, kann ein unkontrollierter Fernzugriff weitreichende Folgen haben. Ein kompromittierter Zugang zu einer Produktionsanlage ist kein IT-Problem mehr – es ist ein Betriebsrisiko.
Die häufigsten Fehler beim Remote Access in KMUs
In der Praxis begegnen uns immer wieder dieselben Schwachstellen. Sie sind nicht das Ergebnis von Nachlässigkeit, sondern von gewachsenen Strukturen und fehlendem Überblick.
VPN ohne Mehrfaktor-Authentifizierung (MFA): Ein VPN allein schützt nicht ausreichend. Wenn ein Passwort gestohlen oder erraten wird, steht der Angreifer direkt im Netzwerk. MFA – also ein zweiter Bestätigungsschritt beim Login – reduziert dieses Risiko erheblich.
Geteilte Benutzerkonten: Wenn sich mehrere Personen oder externe Dienstleister denselben Account teilen, ist im Ernstfall nicht nachvollziehbar, wer was getan hat. Individuelle Zugänge sind Pflicht und nicht Kür.
Fehlende Protokollierung: Was nicht aufgezeichnet wird, kann nicht analysiert werden. Ohne Logs gibt es keine Möglichkeit, einen Vorfall nachzuvollziehen oder frühzeitig zu erkennen, dass etwas nicht stimmt.
Diese drei Punkte allein sind für viele KMU bereits ein erhebliches Risiko und sie lassen sich mit überschaubarem Aufwand beheben.
5 konkrete Massnahmen für sichere Fernwartung
Sicherheit beim Remote Access muss nicht komplex sein. Diese fünf Massnahmen schaffen eine solide Grundlage:
- MFA für alle Fernzugänge einführen – ohne Ausnahme, auch für externe Dienstleister.
- Individuelle Benutzerkonten vergeben – keine geteilten Zugänge, klare Verantwortlichkeiten.
- Zugriffszeiten und -berechtigungen einschränken – wer nur dienstags zwischen 8 und 17 Uhr Zugriff braucht, sollte auch nur dann Zugriff haben.
- Alle Verbindungen protokollieren – wer hat sich wann eingeloggt, auf welche Systeme, wie lange?
- Fernzugänge regelmässig überprüfen – inaktive Zugänge deaktivieren, externe Dienstleister nach Projektabschluss sofort sperren.
Diese Massnahmen sind keine Raketenwissenschaft. Sie erfordern Disziplin und klare Prozesse, aber keine grossen Investitionen.
Besonderheiten in OT-Umgebungen: Wenn Fernwartung die Produktion gefährdet
In Industrieunternehmen und Energieversorgern gibt es eine zusätzliche Dimension: die OT-Umgebung. OT steht für Operational Technology – also Steuerungssysteme, Produktionsanlagen, Leitsysteme. Diese Systeme wurden ursprünglich nicht für eine Vernetzung mit der IT oder dem Internet konzipiert. Sicherheitsfunktionen wie Verschlüsselung oder Authentifizierung fehlen oft vollständig.
Wenn ein Maschinenlieferant per Fernwartung auf eine Produktionsanlage zugreift, geschieht das häufig über denselben Netzwerkzugang wie der Rest der IT. Eine Trennung zwischen IT und OT – sogenannte Netzwerksegmentierung – fehlt in vielen KMUs. Das bedeutet: Ein Angreifer, der über einen Fernwartungszugang ins Netzwerk gelangt, kann im schlimmsten Fall nicht nur Daten stehlen, sondern auch Produktionsprozesse manipulieren oder stilllegen.
Für OT-Umgebungen gelten deshalb zusätzliche Anforderungen:
- Fernwartungszugänge für OT-Systeme müssen strikt vom IT-Netzwerk getrennt sein.
- Jeder externe Zugriff auf OT-Systeme sollte aktiv überwacht und im Idealfall durch eine interne Person begleitet werden.
- Ältere Steuerungssysteme, die keine modernen Sicherheitsfunktionen unterstützen, brauchen kompensatorische Massnahmen, zum Beispiel vorgelagerte Sicherheitsschichten.
Praxisbeispiel: Maschinenbauer mit unkontrolliertem Lieferantenzugang
Ein Industrieunternehmen mit rund 80 Mitarbeitenden nutzt mehrere Produktionsanlagen, die von verschiedenen Lieferanten gewartet werden. Jeder Lieferant hat einen eigenen VPN-Zugang – ohne MFA, ohne Zeitbeschränkung, ohne Protokollierung. Einige dieser Zugänge bestehen seit Jahren, obwohl die Zusammenarbeit längst abgeschlossen ist.
Im Rahmen eines IT/OT-Security-Assessments werden diese Zugänge sichtbar gemacht. Das Ergebnis: Zwölf aktive Fernwartungszugänge, von denen das Unternehmen nur sechs kannte. Drei davon führten direkt in die OT-Umgebung.
Die Massnahmen: Alle Zugänge werden inventarisiert, nicht mehr benötigte sofort gesperrt, MFA für alle verbleibenden Zugänge eingeführt, Protokollierung aktiviert. Der Aufwand: überschaubar. Der Nutzen: erheblich.
Kontrolle ist der erste Schritt
Fernwartung sicher zu gestalten beginnt nicht mit teurer Technologie. Es beginnt damit, den Überblick zu gewinnen: Welche Zugänge existieren? Wer nutzt sie? Sind sie noch notwendig? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lassen sich gezielte Massnahmen umsetzen.
Für KMUs, besonders in der Industrie und Energieversorgung, ist das kein optionales Thema. Es ist ein konkretes Betriebsrisiko, das sich mit klaren Schritten deutlich reduzieren lässt.
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